Sonntag, 27. September 2015

Fahrradtour durch die Heimat

Ein Urlaub auf Mallorca oder in der Türkei? Nein, danke! In diesem Sommer wartete etwas ganz Besonderes auf uns. Inspiriert von der neuen Website  eines Bekannten aus der Heimat erkundeten wir den Osten von Belarus. Mit Fahrrad.



Wir starten in meiner Heimatstadt Tschaussy (Chavusy). Unser Ziel - Radamlya - kennt Google nicht.

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Der erste Zwischenstopp ist im Dorf Rusinauka. Hier steht ein Schneider-Stein alias Riese-Stein. Zwei Namen, zwei Geschichten, zwei Philosophien. Die Dorfbewohner erzählen, dass der drei Meter große Stein ursprünglich im Wald stand. Abends brachte man Stoffe zu ihm - und morgens holte man fertige Kleidung ab! Das ist eine alte belarussische Legende. 1990 wurde der 24 Tonnen schwere Stein mit zwei Panzern in das Dorf transportiert. Er steht nun auf einem Postament zu Ehren der Dorfbewohner, die im Großen Vaterländischen Krieg gestorben sind. Der Mann, der den Riesenstein im Wald entdeckte und seinen Umzug veranlasste, kannte die Schneider-Legende nicht. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich verschiedene Geschichts-Schichten in Belarus aufeinanderreihen. Und davon, wie kurz das Gedächtnis seiner Bürger ist.

Zwei Seiten eines Steins: Der Riese (oben) und der Schneider (unten).



Im Dorf Rusinauka leben nur ein paar Menschen. Einer von ihnen ist Michail. Vor seinem Haus hat er ein Freilichtmuseum aufgebaut: eine Flugabwehrkanone, eine sowjetische Flagge, ein paar Flinten. Die Enkel spielen hier Krieg, erzählt Michail. Im Bach gebe es Fische, die er mit bloßen Händen fängt.


Es geht weiter bergrunter Richtung Radamlya. Die belarussischen Dörfer sterben aus. Es sieht unheimlich schön aus. Die Öfen der ehemaligen Häuser stehen wie Zyklopen mitten auf dem Feld. Hinter den Bäumen am Rande der Straße verstecken sich vergessene Denkmäler. Der Himmel ist wolkenlos blau.

Radamlya ist kein Dorf, sonders ein "Agrostädtchen". Das sind vorbildliche Dörfer, die nach Willen des Präsidenten die Jugend zurück in die ländliche Gegend holen sollen. Ein Haus bekomt man als junge Familie umsonst, wenn man in der hiesigen Kolchose arbeitet. Hier leben etwa 500 Menschen. Viele Stadtkinder verbringen die Sommerferien bei der Oma auf dem Land.
Ljubow Fjodorowna zeigt uns stolz ihr Dorf. Wir sind ihre ersten Touristen, für die sie eine Führung macht.

Einige Historiker behaupten, dass es hier im 10. Jahrhundert eine große Siedlung des ostslawischen Stamms Radimitschen war. Das erzählt unsere Reiseführerin Ljubow Fjodorowna, ehemalige Lehrerin, heute Leiterin des Kulturzentrums im Dorf. Sie spricht Belarussisch und ist sichtlich aufgeregt. Schließlich sind wir die ersten Kunden, die eine Führung bei ihr gebucht haben. Dass Radamlya so eine wichtige historische Bedeutung haben soll, wusste Ljubow Fjodorowna vor zwei Jahren noch nicht. Auf der Wiese vor dem Berg, auf dem wohl eine Burg stand, wurden 2014 alte Häuser der Radimitschen nachgebaut. Seitdem findet hier jährlich im August ein Fest der Radimitschen statt. Die Dorfbewohner entdecken ihre Wurzeln - und wollen damit Touristen in ihr Dorf locken.


Überall auf unserer Strecke stehen die Tafeln mit den Infos über die lokalen Sehenswürdigkeiten. Seht ihr da unten rechts? Was macht die EU-Fahne dort? Die schicken Schilder, die in meiner alten Heimat stehen, wurden von einem Verein aus meiner neuen Heimat Bonn finanziert. Ich bin verblüfft!

Zum Schluss fahren wir ins Dorf Budzina.


Hier befindet sich ein "Rodnik". Die Wasserquelle haben einen Kult-Status bei der hiesigen Bevölkerung. Das Wasser gilt als heilig. Sie rettet von Krankheiten, Kummer und Unglück. Die Wassertemperatur liegt bei 4 Grad. Eine perfekte Abkühlung nach der langen Reise!





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