Donnerstag, 16. November 2017

Martinsfest in der Zauberkiste


„Ich geh mit meiner Laterne…“ Trompeten, Tuben und Trommel geben den Ton an. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mehr als hundert Kinder, Eltern und Erzieherinnen der Kindertagesstätte „Zauberkiste“ laufen durch die Gutenbergstraße in Bonn-Duisdorf. Die Fackelträger führen den Martinszug an. Die Kinder halten ihre Laternenstäbe hoch. Die Martinstradition hat einen festen Platz in dieser Kita, genauso wie in so vielen anderen Einrichtungen in der Region.

Martinsumzug in Bonn-Duisdorf
 Bei der „Zauberkiste“ wird das traditionelle Fest vom Förderverein in Zusammenarbeit mit dem Kita-Team organisiert. Essen und Getränke einkaufen, Einladungen schreiben, alles rund um den Termin planen - das managen die Eltern der Kinder ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Für musikalische Begleitung sorgt wie jedes Jahr der Duisdorfer Musikverein. „Es macht uns einfach Spaß, für die Kinder zu spielen, mit ihnen mitzulaufen“, sagt IT-Berater Steffen Krug, der Trompete spielt.

Musikverein Duisdorf in der Kita

„Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne…“ Die Kinder sind inzwischen zurück am Tore der Kita angekommen. Ihre Augen leuchten beim Anblick des Feuers, das Pfadfinder auf dem Außengelände ausgerichtet haben. Das Feuer ist größer als Mama und Papa! Pfadfinder Martin Einwag macht Martinsfeuer seit fünf Jahren. „Es ist schön. Es ist was Uriges“, sagt der 25-jährige Maschinenbau-Student. Er findet, dass Sankt Martin ein Stück rheinisches Brauchtum ist, das ähnlich wie Karneval bewahrt werden sollte. Tatsächlich könnten die Martinszüge bald zum Weltkulturerbe erklärt werden. Die UNESCO-Kommission prüft, ob diese Tradition, die sich im 19. Jahrhundert im Rheinland herausgebildet hat, als immaterielles Kulturerbe anerkannt wird. Die Entscheidung soll Mitte nächsten Jahres fallen.

„Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind…“ Man fühlt sich als Teil von etwas Großem, wenn man am Martinsfeuer bei einer Tasse Kinderpunsch auf dem Spielgelände der Kita sitzt. „Die Stimmung ist so schön. Wenn alle singen, die Musik spielt und die Laternen leuchten, kriege ich immer ein wehmütiges Gefühl und fühle mich an meine eigene Kindheit erinnert“, findet Nina Sangenstedt, Mutter eines Mädchens, das die Einrichtung wegen des Umzugs verlassen hat und speziell zum Martinsfest eingereist ist. Am Tag nach dem Laternenumzug tauschen die Kinder beim gemeinsamen morgendlichen Treffpunkt ihre Eindrücke aus. „Mir hat gefallen, dass alles geleuchtet hat“, sagt ein Kind. „Das Spielen im Sand im Dunkeln war gut“, findet ein anderes. „Ich fand gut, dass kein T-Shirt gebrannt hat“, sagt jemand. Das Martinsfest wird bei den Kindern in Erinnerung bleiben, bis es im nächsten Jahr wieder soweit ist.


Sonntag, 5. November 2017

Kampf und Flucht – ein Update

Am 6. November um 10.05 Uhr und 19.20 Uhr wird unser Feature auf SWR 2 wiederholt, für das Laura Döing und ich vor kurzem mit dem Felix-Rexhausen-Preis ausgezeichnet worden sind.

Ein Rückblick 

Wir haben Kirill und Jonathan am 12. Oktober 2013 in Sankt Petersburg kennengelernt. Sie nahmen an einer Kundgebung zum internationalen Coming-out-Tag teil. Kirill und Jonathan küssten sich, während sie von den Polizisten abgeführt wurden. Dabei ist ein Foto entstanden, das um die Welt ging und der Ausgangspunkt für unsere Sendung wurde.

St. Petersburg, 12. Oktober 2013 

Am nächsten Tag trafen wir die beiden an einem geheimen Petersburger Treff für Schwule und Lesben. Kirill erzählte, dass er sich mit dem „Schwulenpropaganda“-Gesetz nicht abfinden möchte, dass er kein Mensch zweiter Klasse sei und dass er für seine Rechte kämpfen würde.

Ein Jahr später kam die Nachricht von Kirill: Er hat Russland verlassen und ist nach Deutschland geflohen. In Dortmund erzählte er uns, dass er sich in Petersburg nicht mehr sicher fühlte, nachdem Männer in Schwarz ihn auf offener Straße in ein Auto zerren wollten. Seiner Meinung nach waren das die Mitarbeiter von „Center E“, das die Funktion einer politischen Polizei hat.



Im November 2015 traf Laura Jonathan erneut in Sankt Petersburg. Er eröffnete eine Fotoausstellung zum Thema Homosexualität in einem Keller eines Wohnhauses. Die Ausstellung wurde von Wachmännern überwacht. Nachdem das Gesetz gegen die „Propaganda von Homosexualität“ verabschiedet wurde, wurde Jonathan mehrmals verprügelt.
St. Petersburg, November 2015, © Laura Döing



Im Februar 2016 spazierten wir mit Kirill durch die malerischen Gassen in Heimbach. Dort teilte er mit einem Eritreer ein Zimmer in der Unterkunft für Asylbewerber. Er wartete immer noch darauf, dass sein Asylstatus geklärt wird...

Heimbach. Februar 2016


Am 9. September 2017 sprach Kirill auf der Bühne bei der Verleihung des Felix-Rexhausen-Preises beim CSD in Dortmund. Wenige Tage darauf wurde er zu einem Gespräch in das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nach Bonn eingeladen. Dort wurde er zu seiner Einreise nach Deutschland befragt, um zu prüfen, ob gemäß der Dublin-Verordnung ein anderes Land für ihn zuständig ist. Vier Wochen später fand das zweite Interview beim Bundesamt statt, in dem es um seine persönliche Geschichte ging. Der BAMF-Mitarbeiter befragte Kirill zu seiner Sexualität, seinen Protestaktionen in Russland und seinen Plänen. Das Gespräch dauerte zweieinhalb Stunden. Am 25. Oktober 2017 erhielt er die erlösende Nachricht: Seinem Asylgesuch wurde stattgegeben. Kirill darf in Deutschland bleiben. Nun möchte er hier ein Masterstudium beginnen.



Im September 2017 hat Jonathan Russland verlassen. Er ist für ein halbes Jahr nach Vietnam gereist, um dort eine Bar zu eröffnen.