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Sonntag, 2. Oktober 2016

Mein 10-jähriges deutsches Jubiläum

Heute vor zehn Jahren – am 2. Oktober 2006 – bin ich nach Deutschland gekommen. Ich bin am Flughafen Düsseldorf gelandet und wurde von einer netten deutschen Studentin abgeholt. Die Bahnstation und die S-Bahn schienen sehr sauber (wer über die Deutsche Bahn schimpft, muss mal mit der russischen „Elektritschka“ fahren). Die Fahrkarten fand ich schrecklich teuer (finde ich immer noch). Das Wetter war ziemlich mies (wodurch ich mich gleich wie daheim in St. Petersburg fühlte).

In Dortmund angekommen, machte ich eine Bekanntschaft mit den vier weißen Wänden, in denen ich die nächsten 6 Monate (ein Austauschsemester) verbringen sollte. Pardon, die nächsten 5 Monate. Ich bestand bei der Ausländerbehörde darauf, dass die Dauer meiner Aufenthaltsgenehmigung auf 5 (und nicht wie in der Einladung stand auf 6) Monate beschränkt wird. Schließlich hatte ich bereits eine Rückfahrtkarte nach Russland gekauft. Die Beamtin guckte mich verdutzt an. Egal, dachte ich, ich werde die eh nie im Leben mehr sehen (stimmt nicht, wir sehen uns bereits einen Monat später, wenn meine Tasche samt Reisepass, Handy und Schlüssel bei Deichmann geklaut wird).

Auf dem Campus der Uni Dortmund im Oktober 2006 - mit der historischen Tasche, die wenige Tage darauf geklaut wird


Noch hatte ich aber mein Zimmerschlüssel und konnte mir meine kahlen Wände etwas genauer anschauen. Nicht mal Gardienen gab es am Fenster. In Petersburg teilte ich 10 Quadratmeter mit einer anderen Studentin. In Dortmund hatte ich gefühlt das Doppelte für mich allein. Außerdem ein eigenes Bad. In Petersburg teilten wir ein Bad, eine alte Herdplatte und einen abgeschriebenen Kühlschrank zu fünft. In Dortmund gab es eine Küche für den ganzen „Flur“ mit einem Riesenkühlschrank, in dem jeder ein Fach hatte. Dazu einen passenden Schlüssel. Plus ein Schlüssel fürs Fach im Schrank, in dem man Lebensmittel verstaute. Es war also unmöglich, sich bei dem Nachbar etwas „auszuleihen“, falls man vergessen hat einzukaufen. :)

Die Erasmus-Clique in Münster
Der 2. Oktober 2006 war zwar ein Montag. Aber der nächste Tag war der 3. Oktober und somit ein Feiertag, an dem die Geschäfte in Deutschland geschlossen sind. Ich kaute mir eine Pizza für ca. 10 Euro aus einem nahe liegenden Restaurant. Diese ungeplanten Ausgaben musste ich arme Studentin  erstmal verdauen. Da klopfte es an meiner Tür. „Hallo. Wir gehen gleich in die Kneipe im Keller. Kommst du mit?“ sagte eine nette Französin und ein lustiger Pole zu mir. Das war der Beginn einer Freundschaft, die bis heute besteht. Ich bin ganz froh, dass sich unsere  französisch-kamerunisch-polnisch-russisch-belarussich-spanisch-belgisch-deutsche Clique regelmäßig trifft und durch Nachwuchs immer größer und bunter wird.

Zusammen haben wir sehr viel erlebt: den ersten Karneval in Köln, den Weihnachtsmarkt in Aachen, das Wochenend-Trip nach Amsterdam, die unendliche Reise ans Meer (danke der Bahn für Schönes-Wochenende-Ticket) und die unzähligen Partys in den Studentenkneipen. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich im Wohnheim, bei den Partys und auf den Reisen während meines Austauschsemesters mehr gelernt habe als bei den Vorlesungen. Zumindest in Punkto „Interkulturelle Kommunikation“. Außerdem traute ich mich, Deutsch zu sprechen, denn Fehler machten wir Erasmus-Leute alle und das war gar nicht schlimm. Ich lernte ständig neue Wörter und Sprüche, die im Deutschunterricht nicht vorkamen. Zum Beispiel den Spruch des polnischen Freundes, als meine Tasche geklaut wurde: „Heute gestohlen, morgen in Polen.“ :)

Aus 5 Monaten sind nun 10 Jahre geworden. Wenn ich auf diese Jahre zurückblicke, muss ich gestehen, dass ich sie mir würde nicht anders vorstellen wollen. (Und an meinem Konjunktiv muss ich noch feilen...)

Dienstag, 15. September 2015

Deutschland bekommt Flüchtlinge – Russen bekommen Angst

„Es soll sehr schlimm sein mit dem Ansturm von Migranten in Deutschland“, sagt mein Vater vor einer Woche besorgt per Skype. Eigentlich wollte ich lieber über unsere Verwandten, seine Ernte und meine Heimatreise reden. Stattdessen sage ich: „Woher sollst du es wissen?“ Er habe das in den russischen TV-Nachrichten gesehen. Ich erkläre geduldig: Erstens sind das keine Migranten, sondern Flüchtlinge. Sie fliehen vom Krieg.

Zweitens bin ich begeistert vom Engagement der Deutschen, die sich für sie einsetzen. Eine Freundin macht beim Mutter-Kind-Treffen im benachbarten Flüchtlingsheim mit. Ein Bekannter aus Dortmund fragte an einem Samstagabend auf Facebook, ob jemand zum Hauptbahnhof kommen kann. Am nächsten Morgen höre ich im Radio, wie freundlich die Flüchtlinge dort empfangen wurden. Beim Sommerfest des CVJM um die Ecke betet man „für die Menschen auf der Flucht, die es zu uns geschafft haben“. Mein Vater ist sehr erstaunt.

In den russischen Medien wird das nämlich ganz anders dargestellt. Europa wird „von einer trüben, wütenden und hungrigen Welle von Migranten überrollt“, schreibt Schriftsteller Ewgenij Grischkowez. Diese Menschen würden nie europäische Gesetze befolgen, sie hätten keine Ahnung von den europäischen Werten. Er stellt fest: Europa geht unter. Die Kolumne steht in der Zeitung „Rossijskaja Gazeta“, dem Druckorgan der russischen Regierung. Sie gibt den Kurs vor.

Zwei Wochen, nachdem viele Tausende Flüchtlinge auf einmal nach Deutschland gekommen sind, kippt die Stimmung. Die Grenzen werden kontrolliert. Immer mehr Deutsche stecken sich wohl mit der Angst vor Flüchtlingen an. „Ich sehe es kritisch, dass so viele zu uns kommen“, sagt der Taxifahrer in Baden-Baden. Sie würden den deutschen Steuerzahlern zur Last fallen. Ich erzähle ihm von einem jungen geflüchteten Mann, den ich vor zwei Jahren beim Weihnachtsessen bei einer befreundeten Familie in Bonn kennengelernt habe. Er macht inzwischen eine Ausbildung zum Zahntechniker - und wird bald selbst Steuer zahlen. Der Taxifahrer bleibt stur. "Islam, Arbeitslosigkeit, andere Werte", wiederholt er aufgeregt. Und ich dachte, die europäischen Werte wären Toleranz und Offenheit. Bin ich naiv?

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Angekommen

Heute vor acht Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. In den ersten Tagen in Dortmund kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Ein U-Bahn-Ticket kostet zehn mal mehr als in St. Petersburg! Das Zimmer im Studentenwohnheim gehört mir alleine! Im Supermarkt ist kein "Brei" zu finden: Was essen denn die Deutschen zum Frühstuck? Waaaas, sonntags sind die Geschäfte ganz geschlossen?

Dortmund, Oktober 2006
Inzwischen bin ziemlich eingedeutscht. Ich gucke "Tatort" und koche Spargel. Ich werfe den Jogurt-Becher in die gelbe Tonne weg. In der Bahn setze ich mich nicht zu einem anderen Fahrgast dazu, sondern suche mir einen freien Doppelsitz.

Vor kurzem musste ich meine Integrationsfähigkeit unter Beweis stellen. Ich habe eine Niederlassungserlaubnis beantragt. Ausländische Absolventen deutscher Hochschulen dürfen sie bekommen, wenn sie mindestens zwei Jahre berufstätig sind. Eine Bedingung: Man soll „Grundkenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung und der Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ nachweisen. Es wird ja Zeit - nach den knapp acht Jahren in Deutschland...

Ich bin zu einem Gespräch in die Ausländerbehörde eingeladen. Vor dem Termin lasse ich mich von meinen deutschen Freunden in puncto Deutschsein beraten. Der erste Ratschlag lautet: Bei der Begrüßung soll ich dem Sachbearbeiter festen Handschlag geben und mitteilen, dass ich zum Mittag Eisbein mit Sauerkraut gegessen habe. Als nächstes sollte ich übers Wetter meckern. "Meckern, egal über was, ist typisch deutsch“, heißt es. Klingt nicht so schwer.

Deutscher Spargel a-la Belarus: Mit Bratkartoffeln.
Bei der Ausländerbehörde ist es wie beim Zahnarzt: Man geht nicht gerne hin. Wer mag es schon, wenn ein Herr Müller, der in der Erzählung "Der Kummer des Beamten Müller" von Rafik Schami treffend beschrieben ist, über sein Schicksal entscheidet? Doch in der Kölner Ausländerbehörde bin ich positiv überrascht. Der Mitarbeiter begrüßt mich freundlich und gibt mir die Hand. „Sie sollen einen Test schreiben, um die Kenntnisse der Lebensverhältnisse in Deutschland nachzuweisen“, sagt er.

Von dieser Prüfung habe ich bereits gehört: Da sind mehr als 300 Fragen und einen Termin bekommt man erst in mehreren Wochen. Ich möchte mir den Aufwand sparen und hole eine dicke Mappe aus der Tasche heraus. Darin sind alle Zeugnisse, Bescheinigungen und Urkunden abgeheftet, die ich in den acht Jahren gesammelt habe. Ich zeige dem Sachbearbeiter das Zeugnis über die Teilnahme an der Vorlesung "Politisches System der BRD", den Schein in "Landeskunde" und Nachweise über mehrere Stipendien. Der Beamte ist unbeeindruckt: "Haben sie Germanistik studiert? Ausnahmen sind aber nur für die Politikwissenschaftler möglich."

Nach einer kurzen Diskussion schickt er mich vor die Tür, um mit seinem Vorgesetzten zu beraten. Dann bietet er mich wieder herein. Er hält meine dicke Mappe in der Hand und schaut mich ernsthaft an, als ob er sagen möchte: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ Doch dann lächelt er auf einmal und sagt: "Gut, wenn alle sich einig sind und mal auch über das Gesetz hinweg eine Entscheidung treffen."

Das heißt, ich bin ohne die schriftliche Prüfung für integriert genug befunden worden. Ich bekomme eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis! "Aber nur weil Sie Ihre Unterlagen so ordentlich abgeheftet haben!" sagt der Beamte und wünscht mir einen schönen Tag. „Ihnen auch. Trotz des schlimmen Regens“, meckere ich zum Schluss.

Sonntag, 1. September 2013

Suflaki, Hibiskus und Tango: Mein perfekter Samstag in Köln

Gestern war ich bei der Sommerfeier in der Alten Feuerwache in Köln. Dort wurde Deutschlands größte Tugend zelebriert: Die Liebe, sich in einem Verein zu organisieren. Die Alte Feuerwache ist eine Bürgerinitiative, die weder einer politischen Macht noch einem kapitalistischen Geldbeutel unterworfen ist. Gesellschaftliches Engagement (dieses komische Wortgebilde, für das ich immer noch kein russisches Äquivalent gefunden habe) konnte man dort live erleben.

Als Erstes bin ich in die linke Ecke des Hofs gegangen, denn von dort roch es ganz lecker nach gegrilltem Fleisch. Der Suflaki-Spieß mit Couscous kostete etwa 5 Euro, was gar nicht so billig war. Aber immerhin war das Essen lecker und ein kleiner Griechisch-Sprachkurs gratis inklusive. Deswegen kaufte ich bei den griechischen Frauen noch ein Stück Nusskuchen und einen Pappbecher Filterkaffee dazu und bedankte mich: "Efcharisto".
Ein Stück Kuchen für 1,70 Euro und eine griechische Vokabel gratis dazu

Sonntag, 28. Juli 2013

Der ganz normale Fremdenhass

Neulich bin ich auf eine Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM gestoßen, die Stoff zum Nachdenken liefert. Sie besagt, dass Russen sich vermehrt vor Überfremdung fürchten. Auf die Frage, wovor sie am meisten Angst haben, antworteten die meisten Befragten (35 Prozent): Davor, dass andere Nationalitäten Russland besiedeln. Da muss ich meine Eindrücke von der Reise nach Belarus und Russland vor zwei Wochen auspacken.

Ein Smalltalk auf einer Hochzeitsparty in St. Petersburg. Ein Mann – Mitte zwanzig, weißes Hemd, schwarze Fliege – sitzt am Tisch mir gegenüber. Als er erfährt, dass ich in Deutschland lebe, sagt er: „Ich möchte auswandern. Deutschland war auch eine Option, aber ich habe mich doch für Schweden entschieden.“ Warum? „In Deutschland gibt es zu viele Araber und Türken“, sagt mein Gegenüber und nippt gelassen am Sekt. „In Schweden dagegen gibt es viele Inder, die sind ruhig.“ Ich verschlucke mich an der Hochzeitstorte. Ich versuche mir vorzustellen, dass auf einer deutschen Party jemand etwas Ähnliches sagt. Das klappt nicht. Auf meine Anmerkung, dass es in Deutschland auch viele Russen gibt, zuckt der Fliegenträger mit den Schultern.