Donnerstag, 15. September 2016
Im Kajak durch Pronja und Basja-2
Freitag, 17. Juni 2016
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Swetlana Alexiewitsch: Eine bekannte Unbekannte
Vor knapp fünf Jahren habe ich sie zum ersten Mal in Minsk getroffen. Ich recherchierte für eine Sendung über die Kinder von Tschernobyl. Swetlana Alexiewitsch hat mich zu ihr nach Hause eingeladen. Ich war sehr aufgeregt: Gleich treffe ich mein journalistisches Vorbild, die Autorin des Buches „Die Chronik der Zukunft“, das ich als Teenager gelesen habe und das mich sehr beeindruckt und bedrückt hat. Alexiewitsch hat ein unglaubliches Gespür für Themen. Sie war in Tschernobyl, noch bevor das ganze Ausmaß der Katastrophe klar wurde. Ihr großes Talent: Sie bringt die Menschen dazu, ihr die Dinge zu erzählen, die sie womöglich von sich selbst verheimlicht haben.
Ich stand viel zu früh vor ihrer Tür. „Wieso kommen Sie so früh? Ich wollte noch was zum Tee für uns besorgen. Jetzt habe ich gar nichts Süßes da“, sagte sie. Wir sprachen wenig über Tschernobyl, mehr über die aktuellen Ereignisse: die niedergeschlagenen Proteste und die Inhaftierung von Hunderten Menschen. Nach den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2010 herrschte eine depressive Stimmung in Belarus. Alexiewitsch machte die Oppositionellen dafür verantwortlich, dass sie die Menschen auf den Hauptplatz und somit unbeabsichtigt in die Falle gelockt haben. Ich wunderte mich über diese Einschätzung. Sie entsprach nicht den schwarzweißen Bildern aus den staatlichen und oppositionellen Medien. Die große Wanduhr tickte laut: „Ticktack. Ticktack. Ticktack.“ Die Schriftstellerin schenkte mir vier ihre Bücher. Ich nahm sie stolz mit nach Deutschland mit.
Es war eine große Ehre und Freude für mich, ein Interview mit Swetlana Alexiewitsch zu machen. Gleichzeitig war ich irgendwie... entzaubert. Sie ist eine unerreichbare Größe – und doch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, dachte ich. So ähnlich erging es mir bei einer Lesung mit Swetlana Alexiewitsch vor 1,5 Jahren in Bonn. Manche ihre Antworten waren ungenau oder unglücklich formuliert, sie gaben Spielraum für Missverständnisse. Ihre Interviews führten mehrmals zu heftigen Diskussionen im Netz. Zum Beispiel ihre Aussage darüber, dass Belarussisch eine unreife Sprache sei. Unter oppositionellen, nationalbewussten Belarussen ist sie umstritten. Für die Regierung ist sie zu unbequem. In den staatlichen Medien wird über sie kaum berichtet: In den heutigen TV-Nachrichten wurde über ihre Aufzeichnung nur in einem Nebensatz erzählt. So bleibt sie für die Mehrheit der Belarussen eine Unbekannte.
Einmal besuchte mich meine Mutter in Köln. Ich kam nach Hause, meine Mama lag auf dem Sofa und weinte. In der Hand hielt sie ein Buch. Sie hat Swetlana Alexiewitsch in meinem Bücherregal entdeckt.
Dienstag, 15. September 2015
Deutschland bekommt Flüchtlinge – Russen bekommen Angst
Zweitens bin ich begeistert vom Engagement der Deutschen, die sich für sie einsetzen. Eine Freundin macht beim Mutter-Kind-Treffen im benachbarten Flüchtlingsheim mit. Ein Bekannter aus Dortmund fragte an einem Samstagabend auf Facebook, ob jemand zum Hauptbahnhof kommen kann. Am nächsten Morgen höre ich im Radio, wie freundlich die Flüchtlinge dort empfangen wurden. Beim Sommerfest des CVJM um die Ecke betet man „für die Menschen auf der Flucht, die es zu uns geschafft haben“. Mein Vater ist sehr erstaunt.
Samstag, 9. Mai 2015
Freitag, 8. Mai 2015
Besuch im Kriegsmuseum in Minsk

Das neue Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges ist zu einem Mekka für Schüler, Familien, Rentner und russische Touristen geworden. Als ich es besucht habe, ist eine Gruppe von Soldaten hineinmarschiert.

Das Museum wurde letztes Jahr von den Präsidenten Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin persönlich eröffnet. Ein großer Flachbildschirm in der Eingangshalle zeigt die Bilder von der Eröffnung.
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| Der Souvenirladen des Museums |

Im Museum gibt es viele Flachbildschirme und andere moderne Elemente, wie zum Beispiel die Projektion des Filmes über die Brester Festung.
Mich beeindrucken am meisten die kleinen echten Gegenstände aus dem Krieg. Zum Beispiel eine selbst gemachte Stoffpuppe aus einem Kinderheim. Sie erinnert mich an meine Kindheit. Meine Oma Anja, die auf dem Land lebte und den Krieg als Kind erlebte, machte mir eine ähnliche. Ich mochte sie. Die Puppe hatte zwar kein echtes Gesicht, dafür war sie ganz weich und kuschelig.
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| "Dem tapferen Kämpfer von Tanja" |
Mulmiges Gefühl bekomme ich beim Betrachten der Metalltrage, auf der die Asche der im Ofen verbrannten Menschen auf den Feld in Trostenez getragen wurde. Sie wurde als Düngemittel verwendet.Trostenez war das größte NS-Lager auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Es liegt am Stadtrand von Minsk.
An der Wand sind Baracken und graue Menschenfiguren gezeichnet. Davor steht ein Gitter. Drüber hängt ein Schild: "Zutritt zum Lager verboten. Es wird ohne Anruf geschossen." Soldaten machen ein Foto vor der Wand.

Das Museum hat 10 Räume. Meine Zeit reicht leider nicht, um alles in Ruhe zu betrachten. Den letzten Raum möchte ich aber unbedingt sehen - der Saal des Sieges. Ich bin überrascht: Es ist eine gläserne Kuppel. Es gibt keine Exponate.
Die Idee des Architekten scheint klar: Den Sieg als etwas Großes, Heiliges, in den Himmel Ragendes darzustellen. Ich fühle mich wie in einer Kirche. Die Staatsfahne anstelle des Altars. An der Wand steht: "Die Heldentat des Volkes soll ewig leben."Irgendetwas stört mich. Ist es die rote sowjetische Fahne, die draußen auf der Kuppel weht? Ist es der Marmorboden, der kalt und ungemütlich wirkt? Lebe ich zu lange im Westen und verstehe die Ästhetik der Heimat nicht mehr? Oder stört mich, wie unsere Geschichte durch die Staatsideologie instrumentalisiert wird? Ich verlasse das Museum mit gemischten Gefühlen.
P. S. Mein zehnjähriger Neffe war vor kurzem auf der Klassenfahrt im Kriegsmuseum. Die Schüler sind um 6 Uhr morgens von unserer Kleinstadt nach Minsk gefahren. Acht Stunden Busfahrt haben sie auf sich genommen, um das Museum zu sehen. Ich frage ihn, was ihm am meisten gefallen hat. "Panzer", sagt er. Nach ein paar Sekunden: "Doch nicht! Die Mittagspause in McDonald's."













